Wer noch nie ein gebrauchtes Boot gekauft hat, kennt die Euphorie davor. Attraktive Fotos, ein überzeugender Verkäufer, ein Preis, der vertretbar wirkt. So erging es mir 2022, als ich mein erstes Schiff erwarb. Was ich damals nicht wusste: Ohne sachverständige Begleitung bleibt vieles verborgen. Dieser Bericht schildert, was ich erlebt habe und was mich das gelehrt hat.
Ein verlockendes Angebot
2022 stieß ich auf boat24.com auf eine Fairline Squadron 59. Das Boot war 1995 gebaut worden und hatte 2019 ein umfassendes Interieur-Refit erhalten. Beide MAN-Motoren mit je 687 PS waren ausgebaut, überholt und auf null Betriebsstunden zurückgesetzt worden. Die Fotos zeigten moderne Innenräume, die kaum auf das Alter schließen ließen. Zum damaligen Preisniveau nach den Corona-Jahren wirkte der Kaufpreis vertretbar.
Besichtigung in Kroatien
Der Eigentümer war ein kroatischer Bootsbauer, das Schiff sein Privatboot fürs Wochenende. Ein deutschsprachiger Verkaufsberater begleitete die Besichtigung und erleichterte die Kommunikation erheblich. Ich selbst hatte gerade erst den Bootsführerschein erworben. Fachliches Urteilsvermögen fehlte mir entsprechend vollständig. Was ich beurteilen konnte, beschränkte sich auf den optischen Gesamteindruck.
Äßerer Zustand und erste Ungereimtheiten
Außen befand sich das Boot in einem schlechten Zustand. Passarella, Flybridge-Ausstattung und Reling waren demontiert, sämtliche Anbauteile fehlten. Hunderte Möwen hatten Deck und Aufbau stark verschmutzt, angelockt durch einen nahe gelegenen Abfallplatz. Das Interieur hingegen wirkte gepflegt und zeitgemäß. Eine fachliche Beurteilung der technischen Substanz war mir nicht möglich.
Versprechen statt Befund
Im Verkaufsgespräch wurden viele Zusagen gemacht. Der Verkäufer stellte Neulackierung, Passarella und ein neues Bimini-Top in Aussicht. Auch Kunst-Teak für die Flybridge lag bereits bereit. Ein Argument überzeugte mich besonders: Das Boot gehöre einem Fachmann, der für seine Arbeit stehe. Ohne ein Gutachten für das Boot unterschrieb ich den Kaufvertrag.
Die Übergabe: Drei Monate, viele Kompromisse
Zwischen Kaufvertragsunterzeichnung und Übergabe lagen drei Monate. Das Boot kam tatsächlich in ein Trockendock und erhielt dort einen neuen Anstrich. Zwei Mann hatten Vorbereitung und Lackierung in weniger als einer Woche erledigt. Allerdings wurde am Ende nur der Aufbau behandelt, nicht der Rumpf. Meine Kritik wurde knapp quittiert: Man könne sofort aufhören und nach Hause fahren. Wie das Schiff dann ins Wasser komme, bleibe einem selbst überlassen.
Alarmsignale bei der Überführung
Beim Ablegen in Split traten sofort technische Probleme auf. Kaum liefen die Motoren, drang Wasser ins Schiff ein. Die Ursache blieb unklar, eine Reparatur vor Ort schaffte zumindest vorübergehend Abhilfe. Auch die kaum ansprechende Lenkung wurde mit fehlendem Druck erklärt, nicht mit fehlendem Öl. Mir war damals nicht bekannt, dass ein solches System ohne Hydraulikflüssigkeit nicht funktionieren kann. Selbst der Skipper, dem ich vertraute, bestätigte diese irreführende Erklärung.
Die ersten Wochen nach der Übergabe
In Novi Vinodolski angekommen, reagierte die Lenkung weiterhin kaum auf Steuerbewegungen. Um wenige Grad zu ändern, musste das Steuerrad viele Male gedreht werden. Weitere Ausfälle folgten in den nächsten Wochen: Wassertankpumpe, Schwarzwasserpumpe, Servicebatterien und Warmwasserboiler. Schließlich kam ans Licht: Im Hydrauliksystem befand sich kein Öl, nur Luft. Das erklärte, warum das Boot die Fahrtrichtung nur schwer halten konnte. Auch der Autopilot war aus diesem Grund außer Betrieb.
Was ein Sachverständiger erkannt hätte
Das volle Ausmaß der Mängel zeigte sich erst in den Jahren danach. In der neuen Marina lernte ich durch Zufall Marcel Fuchs kennen, einen Sachverständigen des VUSS. Er begleitete mich in der darauffolgenden Zeit bei der systematischen Aufarbeitung der Probleme. Viele Befunde, die eine Erstbesichtigung erbracht hätte, kamen erst nach und nach ans Licht. Dazu zählten nicht zugelassene Landstromsteckdosen, sofort erkennbar für jeden Fachkundigen. Hinzu kamen zu gering dimensionierte Sicherungen, fehlerhafte Ausführungen an der Passarella und brüchige Hydraulikleitungen.
Hätte ich Marcel Fuchs bereits vor dem Kauf kennengelernt, wäre vieles anders verlaufen. Ein Bootsgutachten bei der Erstbesichtigung hätte die Befunde sofort dokumentiert. Wahrscheinlich wären dabei noch weitere Mängel zutage getreten. Fundierte Preisverhandlungen wären auf dieser Basis möglich geworden. Oder das Boot wäre von Anfang an keine ernsthafte Option gewesen. Beides hätte mehr Sicherheit gebracht als die damalige Entscheidung ohne sachverständige Begleitung.
Fazit: Ein Bootsgutachten spart mehr, als es kostet
Das Fazit dieser Erfahrung ist eindeutig. Wer ein gebrauchtes Boot kauft, sollte stets eine unabhängige Begutachtung einplanen. Besonders gilt das bei fehlender technischer Erfahrung. Doch auch mit Bootspraxis bietet ein Sachverständiger einen klaren Vorteil. Er kann Mängel fachlich belegen und nachweisen. Ein Bootsgutachten schafft die sachliche Grundlage, die für eine fundierte Kaufentscheidung nötig ist.
Wer ein unabhängiges Gutachten zum Boot benötigt, kann sich direkt an den VUSS wenden. Qualifizierte Sachverständige bewerten Zustand, Wert und technische Sicherheit eines Boots. Das Ergebnis ist ein dokumentierter Befund als Entscheidungsgrundlage. Eine Anfrage ist unkompliziert möglich unter:
Gutachten anfragen


